Juli 24, 2008...9:40

One down, two to go….

Zu den Kommentaren

So oder so ähnlich könnte man die überraschende Festnahme des ehemaligen Anführers der bosnischen Serben Radovan Karadzic zusammenfassen. Zu aller erst ist dieses Ereignis ein Hoffnungsschimmer für die Familien der Opfer des Krieges in Bosnien im allgemeinen und in Srebrenica im speziellen. Nun können sie sich endlich berechtigte Hoffnungen machen, dass die Verantwortlichen von damals sich endlich ihrer Verantwortung stellen müssen. Erst nach diesen Prozessen wird es für viele Menschen in Bosnien zum ersten Mal möglich sein, sich endlich ihrem persönlichen Schmerz und ihrer Trauer zu widmen.

Der zweite Aspekt welcher mit dieser Verhaftung hoffentlich deutlich wird, ist das, zum ersten Mal nach der Auslieferung Milosevics, wieder eine serbische Regierung im Amt ist, welche nicht nur von der Unterstützung des Tribunals redet, sondern auch was dafür tut. Dies hatten bei Amtsantritt der Regierung Cvetkovic noch viele Kommentatoren angezweifelt und mit dieser Aktion dürften die Zweifel zumindest kleiner werden. Diese Regierung hat sich von der Taktik des auf Zeitspielens und des Hinhaltens verabschiedet und sich somit ihrer Verantwortung gegenüber der Europäischen Union und den eigenen Bürgern gestellt. Die EU-Strategie Tadics Wahlkampf mit der vorläufigen Unterzeichnung des SAA zu unterstützen und dabei die endgültige Ratifizierung an klare Bedingungen zu knüpfen ist bis jetzt aufgegangen.

Damit aber alle Hoffnungen, welche mit diesem Ereignis verknüpft sind, wirklich wahr werden können, muss nun in Serbien an der Verhaftung der beiden verbliebenen Angeklagten weiter gearbeitet werden. Serbien muss auch noch Ratko Mladic und Goran Hadzic fassen und ausliefern. Vor allem im Fall von Mladic wird dies bei den, leider immer noch zahlreichen, nationalistischen Kräften in Serbien für einen noch größeren Aufschrei sorgen als die Verhaftung Karadzics. Aus meiner Sicht muss man diese Unruhe nicht nur wegen der EU-Aussichten in Kauf nehmen, sondern weil daraus die Chance erwachsen könnte endlich mit den verbliebenen Strukturen der Milosevic Ära aufzuräumen. Diese “Last der Vergangenheit” konnte sich bisher zum Teil im Geheimdienst und beim Militär halten. Erst diese “Aufräumaktion” könnte eine breite Aufarbeitung der Vergangenheit in Serbien ermöglichen. Ein Serbien, dass endlich mit sich und seiner jüngsten Vergangenheit im Reinen ist, würde viele neue Chancen für die friedliche Entwicklung des gesamten Balkans eröffnen. Dies wird ein langer und schwieriger Prozess, bei dem Hilfe und Unterstützung, und vielleicht auch noch ein wenig Druck aus Europa sehr hilfreich sein wird. Es bleibt zu hoffen, dass alle Beteiligten zu den nächsten Schritten bereit sind und diese Chance nicht ungenutzt verstreichen lassen.

In den deutschen Medien war die Verhaftung Karadzics natürlich auch ein Hauptthema. Allerdings habe ich bis heute wenig erhellendes dazu gelesen und kaum einer der Kommentatoren hat auch nur ansatzweise seine Polemiken und Kritiken, welche direkt nach der Regierungsbildung in Serbien geäußert wurden, hinterfragt. Stattdessen suchen Einige von ihnen einen Weg ihre vorher vertretenen Ansichten irgendwie an die neue Lage anzupassen oder einfach unter den Tisch fallen zu lassen. Vor allem letzteres Vorgehen ist für mich die einzige Erklärung für Artikel, welche sich mit der “alternativ-medizinischen”/esoterischen Karriere des D. Dabic (aka R. Karadzic) befassen, statt die wirklich wichtigen Fragen zu diesem Thema zu stellen. Diese Verdrängung könnte ich ja noch irgendwie nachvollziehen, da es für jeden schwer sein kann lange gepflegte Vorurteile fallen zu lassen. Wenn allerdings auf den Onlineseiten der taz ein Kommentar veröffentlicht wird, in dem aus einer Anklageerhebung im Jahre 1995, ein Urteil aus diesem Jahr wird und einer der meistgesuchten Angeklagten mit falschem Vornamen angeführt wird, dann frage ich mich schon, ob diese “Experten” wirklich am Thema interessiert sind und ob sie wirklich die Kompetenz haben sich zu diesen Dingen zu äußern.

Wie es besser geht kann man unter anderem auf den Seiten von openDemocracy sehen. Dort sind gleich drei gute Artikel zu finden, welche aus meiner Sicht alle wichtigen Aspekte des Themas abdecken. Unter dem Titel “Radovan Karadzic: the politics of an arrest” befasst sich Eric Gordy mit den politischen Fragen rund um die Verhaftung Karadzics. Victor Peskin befasst sich in seinem Beitrag “Serbia’s tipping-point arrest” mit der Bedeutung dieses Ereignisses für den Themenbereich “Verantwortung für die Kriege im ehemaligen Jugoslawien”. Und zu guter letzt geht Dejan Djokic mit seinem Artikel “Radovan Karadzic’s capture: a moment for history” auf die Auswirkungen des Ganzen für die Vergangenheitsbewältigung in der Region ein. Für alle drei gilt: must read!!

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