Wahlen in Serbien: Europa oder Kosovo?
Diese Frage wurde wie erwartet zum zentralen Thema der Wahlen in Serbien. Sie war zum großen Teil auch der Auslöser für das Scheitern der Regierungskoalition von Vojislav Kostunicas DSS (Demokratische Partei Serbiens) und Boris Tadics DS (Demokratische Partei).
Allerdings ist aus meiner Sicht die Frage etwas zu sehr zugespitzt, da es um das Thema Europa eigentlich keinen großen Dissenz zwischen den Parteien in Serbien gibt und sogar die Serbische Radikale Partei (SRS- Vorsitz: Tomislav Nikolic bzw. Vojislav Seselj) nicht grundsätzlich gegen eine EU-Annäherung zu sein scheint. Der Knackpunkt ist vielmehr das Kosovo bzw. der Umgang mit diesem auf dem Weg nach Europa.
Während die Partei von Boris Tadic beide Themen getrennt voneinander behandeln will und daher auch die Unterzeichnung des Stabilisierungs- und Assoziationsabkommens (SAA) mit der EU als unproblematisch ansieht, wollten die DSS und auch die oppositionellen Radikalen das Abkommen nach einem Wahlerfolg annullieren. Sie wollten den Wählern gleichzeitig klar machen, dass sie damit Serbiens Weg nach Europa nicht auf Dauer behindern würden.
In den westlichen Medien wurde vor den Wahlen davon ausgegangen, dass die Radikalen zugewinnen werden und nach der Wahl mit Kostunicas DSS die Regierung bilden würden. Weiterhin wurde davon ausgegangen, dass die Mehrheit der beiden sehr knapp sein würde. In Serbien selber hatten Experten wie Zoran Lucic, der Direktor des wichtigsten serbischen Meinungsforschungsinstituts CeSID, eher eine Patt-Situation vorhergesagt bzw. vor weiterer Instabilität aufgrund wackliger Mehrheitsverhältnisse gewarnt. Ein entsprechendes Zitat lässt sich hier nachlesen: Die Presse: Zitat Lucic.
Am Ende sollte Lucic noch am ehesten recht behalten, jedoch traf auch seine Prognose nicht in der erwarteten Form ein. Er lag bei der Instabiltität durchaus richtig, allerdings waren nicht die Radikalen die eigentlichen Sieger der Wahl, sondern die um Boris Tadics DS entstandene vereinigte Wahlliste “Za evropsku Srbiju – Boris Tadic” (Übersetzt: “Für ein europäisches Serbien – Boris Tadic”). Dementsprechend fiel auch der Jubel in den europäischen Medien aus. Doch schon am Morgen nach der Wahl war davon keine Rede mehr. Vielmehr musste festgestellt werden, dass es eher nach fortgesetzter Ungewissheit aussieht, als nach stabilen Mehrheiten.
Tadics Liste war es zwar gelungen das Thema Kosovo von der Europa-Frage zu trennen, jedoch reichte die Hoffnung auf Europa allein nicht um eine stabile Mehrheit zu erzielen. Die Strategie der Radikalen und der DSS ging jedoch noch weniger auf, da eine Ablehnung des europäischen Weges ohne eine echte Alternative auf den Tisch zu legen auch nicht die wahren Sorgen und Nöte der Menschen anzusprechen schien. Dazu kommt, dass ihnen nicht einmal die intensive Beschwörung des Kosovo-Themas die entscheidenden Stimmen brachte.
Beiden großen Blöcken gemein ist aber, dass sie wichtigere Themen wie die Wirtschaftsentwicklung und die hohe Arbeitslosgkeit, nicht ausreichend betont haben bzw. nicht glaubhaft vermitteln konnten. Diese Lücke war im unterschiedlichem Maße auch der Grund dafür, dass sie sich beide am Ende zu Siegern erklärten, aber letztlich beide auf einen etwas unerwarteten “3. Sieger” der Wahl als Koalitionspartner angewiesen sind. Die Rolle des Züngleins an der Waage fällt der Koaltion um SPS (Sozialistische Partei Serbiens), Jedinstvena Srbija (Einheitliches Serbien) und PUPS (Partei der Vereinigten Pensionäre Serbiens) zu.
Auf den ersten Blick scheint dies nur ein Bündnis der alten Profiteure des Milosevic Regimes zu sein, dessen Hauptziel die Rehabilitierung ihres ehemaligen Vorsitzenden ist. Jedoch ist festzustellen, dass der Vorsitzende der SPS Ivica Dacic seit einiger Zeit versucht seine Partei von der Vergangenheit zu lösen (ohne jedoch mit der Vergangenheit zu brechen, geschweige den sich kritisch damit auseinander zu setzen) und die SPS als links-sozialdemokratische Kraft zu etablieren. Die Partei und auch ihre Bündnispartner setzten im Wahlkampf vor allem auch auf soziale Themen und eine sozialere Wirtschaftspolitik. Sie stiessen damit zum Teil in genau die Lücke, welche die anderen Gruppierungen nicht in vollem Ausmaß füllen konnten oder wollten.
Zunächst wurde davon ausgegangen, dass sich das SPS-Bündnis schnell auf eine Koalition mit den Radikalen und der DSS einlassen würde, zumal auf kommunaler Ebene in Belgrad die Koalitionsverhandlungen zwischen den selben Parteien recht vielversprechend verlaufen sind. Doch auf nationaler Ebene sollte ausgerechnet bei der anvisierten Annulierung des SAA schon wenige Tage nach der Wahl der erste Knackpunkt kommen. Vor allem der Vorsitzende von “Einheitliches Serbien” Dragan Markovic – Palma (Anmerk.: Am besten umschreibt man diesen Weggefährten von Zeljko Raznjatovic – Arkan noch mit den Worten umstritten und schillernd) lehnt eine Annulierung des Abkommens ab, da er der Meinung ist, dass sich Serbien ohne die EU nicht adäquat wirtschaftlich entwickeln kann. Ohne die Zustimmung von Markovic kann also die von den Radikalen angestrebte Übernahme der Regierungsverantwortung nicht erfolgen. Und auch die SPS selbst scheint auf nationaler Ebene nicht ein Freund des als anti-europäisch bezeichneten Bündnisses zu sein, da sich vor allem Dacic mehr Vorteile aus einer Verbindung mit den sogenannten pro-europäischen Kräften verspricht. Immer mehr Funktionäre der Partei scheinen zu erkennen, dass die Partei auf Dauer nur eine Zukunft hat, wenn sie sich wieder mehr in Richtung Sozialdemokratie bewegt.
Bis heute ist noch keine neue Regierung gebildet worden, dass zeigt nochmal in welch schwierige Lage sich die Parteien manövriert haben. Der Wille zu Regierungsbildung ist jedoch da, weil fast keine Partei Neuwahlen riskieren will. Zur Zeit scheint eine Koalition zwischen dem Bündnis um Tadic und der Koalition um die SPS als wahrscheinlichere Lösung. Beide Seite gehen dabei ein Risiko ein. Tadic könnte nun in die Lage kommen statt wie bisher von Kostunicas national-konservativer DSS, von nun an von der SPS abhängig zu werden. Einer Partei die sich noch nicht zwischen einem neuen sozialdemokratischen Kurs und dem revisionistischen Weg der Rehablitierung ihrer vorherigen Herrschaft entschieden hat. Eben dieses Dilemma könnte aber auch zur Spaltung der SPS führen. Wie groß aber der Wunsch ist eine Regierung des pro-europäischen Blocks zu bilden, zeigen schon die Gerüchte und Andeutungen über die Haltung der Liberalen Partei (LS) von Cedomir Jovanovic zu einer Koalition mit der SPS. Diese soll nun bereit sein eine Regierungskoalition mit der SPS zumindest zu tolerieren. Dies ist mehr als erstaunlich, da Jovanovic als Weggefährte Zoran Djindjics eben dies kategorisch ausgeschlossen hatte, da er die SPS immer noch als die Partei des alten Regimes sieht. Scheinbar spekuliert aber auch er darauf, dass man die SPS als das kleinere zweier Übel in einer Koalition beherrschen könnte. Vielleicht erkennt er auch eine kleine Chance diese Partei zur Auseinandersetzung mit ihrer Vergangenheit zu bringen.(Anmerkung: hmm, das dürfte wohl eher Wunschdenken meinerseits bleiben, dies würde aber in Serbien einiges ins Rollen bringen.)
Eine Regierung des Blocks um die DS, könnte entscheidende Impulse zu einer europäischen Zukunft liefern, von der sich die Mehrheit der Serben eine bessere Zukunft versprechen. Dies wäre aber nur ein erster Schritt und nicht einmal der schwierigste, da im Hintergrund immer noch die Frage der Zukunft des Kosovos offen bleibt. Im Gegensatz zu vielen Meinungen in der europäischen Politik- und Medienlandschaft ging es bei dieser Wahl in Serbien nicht um die Frage “Europa oder Kosovo”, sondern nur um die Frage von welchem politischen Angebot sich die Bürger Serbiens eine schnellere und glaubhaftere Annäherung an Europa erhoffen. Mit Europa verbinden die meisten Menschen auch die Hoffnung auf wirtschaftlichen Fortschritt und vor allem Normalität nach all den Jahren der Kriege und Konflikte.
Die Frage des Kosovo kann auch nicht allein durch eine serbische Wahl oder eine serbische Partei entschieden werden. Zu dieser Frage wird sich auch die internationale Gemeinschaft noch ein wenig mehr einfallen lassen müssen als die gegenwärtige Lösung. Diese ist bisher von nicht einmal 50 UN-Mitgliedern akzeptiert worden und sie ist weder mit bisherigen völkerrechtlichen Prinzipien, noch mit bisherigen Kriterien der EU (siehe EU-Richtlinien zur Anerkennung neuer Staaten in Osteuropa aus dem Jahre 1991 und Badinter-Kommission zum Recht auf Sezession der ehemaligen jugoslawischen Republiken) vereinbar. Dies ist für keine Seite ein tragbarer Zustand und er wird in dieser Form auch keine dauerhafte Stabilität bringen.
Abschließend noch eine Leseempfehlung für eine gute Analyse der Wahlen in Serbien, mit den absoluten Endergebnissen und einem weiterführenden Link auf die Wahlergebnis-Seite von CeSID: Das Dilemma des Sieges